5. November 2013

H'Scooby vom Matthof's beste Freundin Questa in der Zeitung

Der beste Freund des Grenzwächters 


Drogenschmuggel, illegale Einwanderungen, Grenzüberschreitende Kriminalität – die Grenzwachtkorps der Schweiz sehen sich täglich mit vielfältigen Aufgaben konfrontiert. Damit sie diesen auch gerecht werden können, stehen ihnen speziell ausgebildete Hunde zur Verfügung.

Es ist 9.16 Uhr an einem nebligen Freitagmorgen. Soeben wird ein roter Jeep am Grenzübergang Schmitter in Diepoldsau kontrolliert, als dessen Fahrer plötzlich aufs Gas tritt und die Flucht ergreift. Das Fahrzeug biegt scharf rechts auf einen nahe gelegenen Feldweg ein und verschwindet aus dem Blickfeld der Grenzwächter. Diese nehmen sogleich die Verfolgung auf – mit dabei Schäferhündin Questa.

Nach rund 200 Metern sichtet die Grenzwachttruppe den Jeep – er steht mit offenen Türen inmitten eines Feldes. Mit gezückten Waffen nähern sich die uniformierten Beamten langsam dem Fluchtfahrzeug. Es ist leer. Vom Fahrer keine Spur. Nun kommt Questas grosser Augenblick. Als man ihr das leuchtend gelbe Hundegeschirr anzieht, jault sie vor Freude, denn sie liebt ihre Arbeit. Kurz schnuppert sie an einem Kleidungsstück, das der Flüchtige im Auto gelassen hat und nimmt dann dessen Fährte auf – ein Autoschlüssel hätte ihr hierfür übrigens auch gereicht. «Wen suchen Sie denn?»


Zielstrebig führt Questa ihr Herrchen und dessen Kollegen ins nahe gelegene Dorf. Sie läuft im Zickzack, denn so vergewissert sie sich, dass sie noch auf der richtigen Spur ist. Die Passanten, die ihr neugierige Blicke zuwerfen, interessieren die junge Schäferhündin nicht. Auch nicht das Gespräch zwischen einem älteren Herr und einem der Grenzwächter:

«Wen suchen Sie denn?»


«Niemanden. Das ist nur eine Übung.» Questa weiss aber nicht, dass es sich nur um eine Übung handelt. Für sie ist die Suche purer Ernst, denn wenn sie den Flüchtigen findet, so weiss sie, kriegt sie eine tolle Belohnung.
Sie führt die Grenzwachttruppe wieder aus dem Dorf hinaus auf einen weiteren Feldweg und von dort hinter eine alte Holzhütte, die am Wegesrand steht. Hinter der Hütte sitzt ein Mann – es ist der Fahrer des roten Jeeps. Questa bellt ihn an und zeigt die Zähne – ziemlich angsteinflössend. Dann gibt der Hundeführer ihr ein Kommando und auf einen Schlag ist sie wieder der freudig-aufgeregte Hund von zuvor. Als Belohnung für ihre gute Arbeit erhält sie ihr Lieblingsspielzeug und ihr Herrchen tollt mit ihr herum. Was Questa nicht weiss: Diese Übung war wichtig für sie und ihren Führer.


Am 20. Dezember wird sie nämlich ihre Einsatzprüfung zum Schutzhund ablegen. Dann stellt sich heraus, ob sie zum festen Team der Grenzwachthunde der Grenzwachtregion III gehören wird.

19 Hunde im Einsatz


Die Grenzwachtregion III ist eine von sieben Schweizer Grenzwachtregionen. Sie ist für die ganze Ostschweiz sowie für das Fürstentum Liechtenstein zuständig. Ihr Einsatzgebiet reicht vom Bodensee bis zum südlichsten Teil des Kantons Graubünden. Hauptaufgabe ihrer Grenzwächter sind unter anderem die Bekämpfung von Schmuggel und von grenzüberschreitender Kriminalität. Hierzu stehen dem Grenzwachtkorps der Region III zurzeit 19 Grenzwachthunde zur Verfügung – fünf davon sind reine Drogenspürhunde, zehn sind Schutzhunde und vier sind sogenannte Kombihunde, die beide Ausbildungen durchlaufen haben.Zuständig für die Ausbildung der Grenzwachthunde ist Hans Mullis. Er ist als technischer Leiter des Hundewesens der Grenzwachtregion III tätig. «Von unseren 19 Hunden befinden sich zurzeit vier noch in der Ausbildung – einer davon ist Questa», erzählt der Gamser.
Die Ausbildung eines Schutz- respektive Betäubungsmittelspürhundes dauere rund zweieinhalb Jahre. «In dieser Zeit absolvieren Hundeführer und Hund jährlich rund 90 Ausbildungsstunden», gibt er Auskunft. Aber auch ausserdienstlich werde viel trainiert, da 90 Pflichtstunden kaum für einen seriösen Aufbau eines Hundes genügen würden. So opfern Hundeführer oft drei bis vier Mal pro Woche ihre Freizeit, um privat mit ihren Schützlingen zu üben. «Gerade die Junghundeausbildung beinhaltet so viele Elemente, die es regelmässig zu trainieren gilt. Dazu gehören beispielweise das Finden von Gegenständen, die Personensuche oder etwa die Schutzausbildung», erklärt der Grenzwächter.



Die Suche nach den Drogen


Begleitet wird Hans Mullis an diesem Übungstag von seinem Malinois-Rüden Boss, seines Zeichens voll ausgebildeter Kombihund. Boss’ Aufgabe am heutigen Tag wird es sein, den roten Jeep auf Drogen zu untersuchen. Hierzu legt Mullis dem routinierten Hund ein braunes Lederhalsband an. «Weil Boss ein Kombihund ist, wechsle ich nun sein Halsband – so weiss er, was genau von ihm verlangt wird», erklärt der Hundeführer. Das Halsband sei für Boss eine Art Schlüsselreiz – jetzt weiss er beispielsweise, dass er nach Drogen und nicht nach Menschen suchen soll.

Sobald das Halsband angelegt wurde, fängt für Boss die Arbeit an. Hans Mullis zeigt dem Rüden sein Lieblingsspielzeug und tut so, als würde er es im Auto verstecken. Stattdessen steckt er das Spielzeug in seine Jackentasche. «Spürhunde wie Boss hat man so konditioniert, dass sie den Geruch der Drogen mit dem ihres Spielzeuges verknüpfen – er sucht also eigentlich nicht nach Betäubungsmitteln, sondern nach seiner Beisswurst», erzählt der Hundeführer und schickt Boss los. Mit der Hand zeigt er dem Vierbeiner, welche Stellen er besonders genau «unter die Nase» nehmen muss. «Boss ist fähig, alle gängigen Drogen zu erschnüffeln, von Cannabis über Kokain bis hin zu Designerdrogen und Amphetaminen», informiert Mullis. Neu würden ausserdem auch Spürhunde ausgebildet, die sogar geschützte Tierarten finden können.

Zwei Päckchen Heroin gefunden





Als Boss zur Stossstange des Jeeps gelangt, zeigt er an. Der Hund legt sich auf den Boden und weist mit der Nase auf die Stelle, an der Mullis zuvor ein Päckchen Heroin versteckt hat. «Das nennt sich passives Anzeigen», erklärt der Ausbildungsleiter. Es habe den Vorteil, dass der Hund dadurch – im Gegensatz zum aktiven Anzeigen wie beispielsweise dem Scharren – keine Spuren vernichten könne. Dieselbe Übung wird nochmals im Innenraum des Autos durchgeführt, und siehe da, Boss findet auch hier das Drogenversteck. Es befindet sich hinter dem Armaturenbrett.

Boss hat also erfolgreich die versteckten Heroin-Päckchen gefunden, doch für ihn stellt sich der ganze Sachverhalt etwas anders dar: Er denkt, dass sich hier das Versteck seines Spielzeug befindet und erwartet, dass man es ihm zurückgibt. Damit der Schwindel mit der «versteckten» Beisswurst nicht auffliegt, muss sich Mullis nun eines kleines Tricks bedienen. Er hält Boss die Augen zu, zückt das Spielzeug aus der Jackentasche und platziert es dort, wo der Spürhund das Drogenversteck lokalisiert hat. Dann nimmt er die Hand von den Augen des Hundes und dieser freut sich riesig über das «gefundene» Spielzeug.


«Richtig» spielen


Hans Mullis hält das Spielzeug noch in der Hand und wedelt ein wenig damit. Boss ist voll darauf konzentriert, und als sein Herrchen ihm das Zeichen gibt, packt er sich die Beisswurst und rennt aus dem Wagen. Mullis rennt hinterher, nimmt ihm das Spielzeug wieder weg, spielt Fangen und tobt mit dem Hund herum. «Richtiges Spielen ist etwas, das ein Hundeführer beherrschen muss», erklärt der Hundefüher später. Der Hund müsse Spass haben in seinem Job und das gehe nur, wenn man ihn durch das Spielen motivieren könne. «Überhaupt ist der Spieltrieb eine wichtige Eigenschaft, die ein guter Grenzwachthund mitbringen muss», führt Mullis weiter aus. «Das und ein gutes Wesen, eine ausgeprägte Sozialkompetenz und Selbstsicherheit.» Aggressive oder ängstliche Hunde könne man für diesen Job nicht gebrauchen.

Nicht nur ein gutes, sondern auch ein ruhiges Wesen hat Hans Mullis Malinois-Rüde. Die beiden bilden bereits seit über neun Jahren ein Team: «Boss kam im Alter von neun Wochen zu mir und ist seit jeher ein Familienmitglied», erklärt der Gamser. So begleitet der Grenzwachthund Mullis tagtäglich – sowohl im Dienst als auch in der Freizeit. Und daran wird sich bis zu Boss’ Ableben auch nichts ändern. Denn sollte der Tag kommen, an dem er nicht mehr dienstfähig ist, wird er in den Ruhestand versetzt und darf seinen Lebensabend im Kreise der Familie Mullis verbringen. Das ist unter Hundeführern und ihren Schützlingen so üblich. Und wenn Boss – hoffentlich nach einem langen und erfüllten Leben als Grenzwachthund – eines Tages das Zeitliche segnet, wird sein Herrchen bestimmt traurig darüber sein. Schliesslich waren die beiden ein Hundeleben lang Kameraden. (sb)